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© 2020 Jan Tenhaven   |   Imprint and Disclaimer

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Der Fall “Lovemobil”: Mehr Mut!

Meine Kritik an der Kritik der Kritik

Am 22. März 2021 erschüttert eine Pressemitteilung des NDR die Dokumentarfilmbranche. Das Publikum reagiert verunsichert oder gleichgültig – oder es fühlt sich bestätigt und triumphiert: Fake News! Lügenpresse! Die Mainstream-Medien manipulieren uns! Wir haben es doch immer gesagt! Man kann nichts mehr glauben!

Der NDR distanziert sich in seiner Mitteilung von einem Dokumentarfilm, an dem er selbst als Koproduzent beteiligt war. Der Film „Lovemobil“ (R: Elke M. Lehrenkrauss, 2019) gibt vor, das wahre Leben von Prostituierten, die ihre Dienste in Wohnwagen an einer deutschen Landstraße anbieten, authentisch und real abzubilden. Für diese Arbeit mit vermeintlich echten Protagonist:innen wurde der Film hochgelobt und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. In Publikumsgesprächen und Masterclasses ließ sich die Regisseurin dafür feiern, dass sie so nah an die betroffenen Frauen herangekommen ist.

Nun stellt sich heraus: Wichtige Protagonist:innen waren Laienschauspieler:innen, eine andere Frau ist zwar Sexworkerin, aber arbeitet nicht im Wohnwagen, die vermeintlichen Freier und ein Zuhälter spielen eine vorgegebene Rolle, die Dialoge sind in großen Teilen von der Regisseurin gescriptet, und die Wohnwagen wurden von ihr für den Dreh als Kulisse angemietet. All das geschah nicht nur ohne Kenntlichmachung der fiktionalen Anteile, sondern unter Behauptung des Gegenteils.

Nach Bekanntwerden des Falls sprach die Regisseurin zunächst davon, sie habe eben eine „authentischere Realität“ geschaffen. Inzwischen hat sie ihren Deutschen Dokumentarfilm-Preis zurückgegeben, und die Nominierung für den Grimme-Preis 2021 wurde ihr aberkannt.

In der Branche schlugen die Wellen hoch. Viele Filmemacher:innen reagierten empört. Auch ich empfinde „Lovemobil“ als Verrat am Zuschauer und zudem als Wettbewerbsverzerrung. Die allermeisten Filmemacher:innen investieren viele Monate, manchmal Jahre in das Finden von (echten) Protagonist:innen. Ich habe schon viele Projekte in der Entwicklungsphase beerdigen müssen, weil Protagonist:innen sich nicht finden ließen oder sie wieder abgesprungen sind.

Und selbst wenn man die Protagonist:innen schließlich gefunden und überzeugt hat, sich für einen Dokumentarfilm in oft sehr persönlichen Situationen drehen zu lassen, muss man als Filmemacher:in viele Kompromisse machen. Die Menschen wollen vielleicht doch nicht über alles reden, oder ihre Aussagen sind ambivalent und widersprüchlich. Drehorte sind nicht so, wie man sie sich vorgestellt hat. Oder man hat, weil man mit echten Menschen arbeitet, die ihre Bedürfnisse anmelden, beim Dreh nicht genügend Zeit, um schöne Bilder zu machen. Das Ergebnis ist dann nicht immer perfekt, nicht immer schön. Es ist unperfekt, aber halbwegs wahr. Und eben nicht wie in „Lovemobil“: viel zu schön, um wahr zu sein. Es wurde Zuckerguss über eine kantige Wirklichkeit gegossen.

Aber der schöne Schein gewinnt manchmal die Preise. Ich finde, alle Kolleg:innen, die sich darüber empören, tun dies nicht nur zu Recht, sondern sie haben auch die Pflicht dazu. Wir müssen uns als Dokumentarfilmer:innen deutlich von einer Arbeitsweise distanzieren, die einen Komparativ von „authentisch“ erfindet. Es geht nicht darum, eine Kollegin fertig zu machen, es geht um etwas Grundsätzliches.

Wer hier von Hexenjagd spricht und jede Kritik unter den Generalverdacht der pharisäerhaften Maßlosigkeit stellt, mag recht haben in Bezug auf die Form der Kritik – hinter dem Fall steht eine menschliche Tragödie, und der Anstand gebietet tatsächlich ein gewisses Maßhalten -, aber er macht den zweiten Schritt vor dem ersten.

Es ist wichtig, ganz klar zu benennen, was in „Lovemobil“ schiefgelaufen ist, und dass es sich hier um einen schnöden Betrug handelt. Wir dürfen den Film nicht mit dem euphemistischen Begriff „hybrider Dokumentarfilm“ adeln. Das wäre er nur gewesen, wenn die hybride Erzählform auch als solche in irgendeiner Weise kenntlich gemacht worden wäre. Nein, wir dürfen nichts beschönigen, gerade weil wir die kreative Freiheit im Dokumentarfilm erhalten wollen! Es muss weiterhin erlaubt sein, künstlerische Formen der Wirklichkeitsbeschreibung anzuwenden. Animationen, Reenactments, dramaturgische Zuspitzungen oder eben hybride Formen, in denen auf transparente Weise dokumentarische und fiktionale Teile kombiniert werden.

Dokumentarfilme sind nie ganz objektiv. Jeder Film ist nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit und zu einem gewissen Maß Interpretation. Diese Tatsache ist so alt wie die Menschheit. Schon die ersten Höhlenzeichnungen waren Ausschnitt und Interpretation, weil die Höhlenwand gar nicht breit genug war, um die große Welt da draußen zu dokumentieren. Aber mit diesem uralten Dilemma lässt sich nicht jede bis zum Betrug reichende Verbiegung der Wirklichkeit rechtfertigen.

Ausschnitt und Interpretation – das wird immer eine Gratwanderung bleiben. Wie viel persönliche Handschrift verträgt ein dokumentarischer Film, wieviel Auslassung, wieviel Verdichtung – und auf welche Weise muss das kenntlich gemacht werden? Dabei spielt der Kontext eine Rolle. In einer journalistischen Doku wird es die holzhammerartige Schrifteinblendung („Szene nachgestellt“) sein, im Kinodokumentarfilm reicht es vielleicht, dass die verschiedenen Ebenen sich visuell und ästhetisch deutlich voneinander abheben, weil ein Film im Kinosaal aufmerksamer rezipiert wird als zuhause vor der Glotze.

So oder so bleibt es eine Gratwanderung, und dabei müssen wir Filmemacher:innen auf den Vertrauensvorschuss des Publikums bauen dürfen. Nur wenn sich die Zuschauer:innen sicher sein können, dass ein dokumentarischer Film in seinem Kern echt ist, und wenn Verabredungen eingehalten werden, können wir die Grenzen des Zulässigen ausreizen – und das wollen wir, um nicht starr in alten Erzählmustern zu verharren. Umso tragischer, dass mit „Lovemobil“ dieses Vertrauen missbraucht wurde. Umso wichtiger, dass wir uns als dokumentarisch arbeitende Filmemacher:innen klar positionieren.

So. Und erst wenn das geschehen ist, kann es um die mindestens ebenso wichtigen Fragen gehen. Dann reden wir über das Umfeld, in dem eine Regisseurin sich genötigt fühlt, zu unlauteren Mitteln zu greifen. Warum tut sie das?

Im Fall von „Lovemobil“ kann man wohl sagen: Die Gründe waren weder Faulheit noch Geldgier. Reich wird im Dokumentarfilm ohnehin niemand, schon gar nicht mit einem so schwierigen, rechercheintensiven Stoff wie Sexarbeit. Und Faulheit kann man der Kollegin auch nicht vorwerfen. Sie hat jahrelang für sehr kleines Geld sehr engagiert an ihrem Film gearbeitet. Interessanterweise hatte sie anfangs sogar mit echten Prostituierten gedreht, wie sie sagt, aber diese Szenen haben es nicht in dem Film geschafft, stattdessen wurde geschauspielert. Warum?

Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, dass sich Redaktionen zunehmend gegen die Zumutungen des Lebens absichern wollen. Die langjährige WDR-Redakteurin Prof. Sabine Rollberg beschreibt das in einem aktuellen Artikel sehr zutreffend. Noch vor Drehbeginn verlangen Redaktionen ein detailliertes Treatment, manchmal sogar Drehbuch genannt, in dem die Story von vorne bis hinten skizziert wird, oft sogar exemplarische Szenen und Dialoge beschrieben werden müssen. Dummerweise – oder: zum Glück! – hält sich die Wirklichkeit meistens nicht an solche Drehbücher. Dummerweise, weil das im Extremfall ein Grund für eine Nichtabnahme des Films sein kann. Glücklicherweise, weil sich beim Dreh oft neue, viel komplexere und damit interessantere Situationen ergeben können, wie sie sich die Filmemacher:in gar nicht hätte ausdenken können. Bloß schaffen es solche Situationen oft gar nicht mehr in den Film, weil sie oft ambivalent und widersprüchlich sind, weil sie nicht in die geplante Dramaturgie passen, weil man fürchtet, damit das Publikum zu überfordern, weil sie einer glatten visuellen Ästhetik im Wege stehen.

Wenn diese Umstände auf eine in den Sendeanstalten herrschende Angstkultur treffen, wie von Sabine Rollberg beschrieben, und eine Regisseurin es bei ihrem Debütfilm mangels Standing oder aus Überambitioniertheit nicht schafft, ihren Film der Wirklichkeit anzupassen und nicht umgekehrt, was nicht entschuldbar, nur erklärbar ist – dann ist das Malheur perfekt.

Insofern braucht es jetzt vor allem mehr Mut. Mut in den Redaktionen, um zu akzeptieren, dass sich die Wirklichkeit nicht immer auf dem Reißbrett entwerfen lässt. Mut bei uns Filmemacher:innen, von unserem ursprünglichen Konzept abzuweichen, wenn sich das Geschehen beim Dreh ändert, also offen zu bleiben für das Unerwartbare, denn das ist sowieso oft das wirklich Spannende. Und Mut bei allen Beteiligten, darauf zu vertrauen, dass unser Publikum auch mit Ambivalenzen, Widersprüchen, nicht aufgelösten Konflikten und unperfekten Bildern durchaus umgehen kann. Lasst uns aufhören, dem „Affen“ immer weiter Zucker zu geben. Zuviel Zucker ist auf Dauer nicht gesund.

Jan Tenhaven
Filmemacher für ARD, ZDF und ARTE
AG DOK Mitglied und Vorstand der Sektion Dokumentarfilm in der Deutschen Akademie für Fernsehen